Nachhaltiges Darmstadt: eine Kolumne

8. September 2017

Wie gelingt ein nachhaltiger Alltag?

 

Eigentlich scheint es leicht, denn Informationen und Ideen gibt es genug. Doch es sind mittlerweile so viele, dass schnell die Orientierung verloren geht. Und damit die Motivation. Deshalb lohnt es sich, Schwerpunkte zu bilden. Und nicht zu glauben, dass Verbraucher alleine die Welt retten können. 

Wir sollen ein nachhaltiges Leben führen und so dazu beitragen, dass ökologische und soziale Probleme gemindert und neue Chancen genutzt werden, sei es im Interesse des Klimaschutzes, der Energiewende, einer ökologischeren Landwirtschaft, weniger überfischter Meere, einer plastikfreien Welt, sauberem Wasser, fruchtbaren Böden und vielem mehr. Und da sind wir auch schon bei einem der Hauptprobleme: der Reformbedarf ist in so vielen Bereichen so groß, dass Verbraucher vor lauter Nachhaltigkeitsaufforderungen und -anleitungen die Orientierung verlieren und nicht mehr wissen, wo sie denn im Alltag anfangen sollen. Der Eindruck entsteht, sie sollten alleine die Welt retten auf Wunsch von Regierungen, Kommunen, Unternehmen, Hochschulen, Verbänden und Vereinen – von allen denen, die die gutgemeinten und meist dringend nötigen Ideen für Klimaschutz, Energiesparen oder umweltfreundlicheren Einkaufen an den Mann und die Frau bringen.

 

Gefahr der Überforderung

Das erste Problem, die Unübersichtlichkeit des Nachhaltigkeitsfeldes, weist auf das zweite hin: die ganze Welt retten muss man nicht. Und kann man auch nicht. Das sagt zum Beispiel der Sozialpsychologe Harald Welzer in seinen Büchern zu gesellschaftlichem Wandel und Nachhaltigkeit. Wer in allen Bereichen ansetzen will, kann sich mitunter überfordern und dann gar nichts mehr tun. Die Reaktion: Kopf in den Sand stecken und darüber traurig werden, dass alles nichts bringt, weil es für einen alleine zu viel ist. Und das ist der dritte Punkt:  Ja, es ist zu viel. Verbraucher und privater Konsum alleine können in keiner Weise den Planeten retten, den Klimawandel aufhalten und das Ruder herumreißen. Im öffentlichen Diskurs entsteht nur manchmal der Eindruck, dass es bei der Großen Transformation hin zu einer nachhaltigen Welt vor allem auf die Bürger und ihr Verhalten ankommt. Auf diese Überforderung der Gesellschaft weist etwa der Karlsruher Physiker und Philosoph Armin Grunwald in seinem Aufsatz „Wider die Privatisierung der Nachhaltigkeit“ hin.

Ganz klar: Wir Konsumenten sind ein wichtiger Teil dieser sozial-ökologischen Transformation. Aber ohne Anreize sowie Regeln und Gesetze seitens der Staats und anderer Geschäftsmodelle, Produktionsabläufe und unternehmerischer Visionen in der Wirtschaft wird es nichts mit Agar-, Energie, Verkehrs- oder Klimawende. Diese Erkenntnis macht die Arbeitsteilung zwischen den Akteuren klarer, entlastet aber keineswegs die Gesellschaft von ihren Pflichten – und verbaut daher auch nicht den Weg hin zu den Chancen, die in einem nachhaltigeren Leben stecken.

 

Nachhaltigkeit ist ein Freiheitsbegriff

Denn richtig betrachtet ist Nachhaltigkeit ein Freiheitsbegriff, der zu einer höheren Lebensqualität führt, weil mitunter Wasser und Luft sauberer, der Verkehr angenehmer, das Klima moderater, Lebensmittel gesünder und sauberer sowie die Arbeits- und Lebenszeiten besser koordinierbar geworden sind. Um all das geht es bei der Nachhaltigkeit – für jeden in etwas anderer Weise, mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Und deshalb kann es sinnvoll sein, sich einige Bereiche auszusuchen, in denen man ernsthaft und über längere Zeit sein eigenes Verhalten verändert – mit entsprechender Wirkung natürlich. Wer nur die Heizung etwas runter dreht und sich dann schon als Klimaschützer preist, sollte noch einmal neu ansetzen. Denn man kann mehr tun, etwa beim Energiesparen im eigenen Haus. Das Netz ist voll von Anleitungen dazu, die von Umweltverbänden, Verbraucherzentralen und vielen anderen Stellen  veröffentlicht werden. Eigene Portale sind dazu entstanden wie Utopia.de, Karmakonsum oder Klimaretter.info. Es gibt kein Informationsproblem, Ideen für ein nachhaltigeres Leben sind zu Hauf vorhanden. Eigentlich scheint der Wandel daher ganz einfach. Doch es gibt das beschriebene Orientierungsproblem – mit entsprechenden Antworten, die die eigene Motivation erhalten: Man muss nicht alleine die ganze Welt retten, und Konsumenten als Gruppe ebenfalls nicht. Wer Schwerpunkte im eigenen Lebensumfeld setzt, erhöht seine Handlungsmöglichkeiten und erhält sich die Lust an Veränderung und Experimenten.

 

Gezielte Fragen an sich selbst

Schrittweise kann man sich vorarbeiten: Wo kann ich sinnvoll ansetzen, habe ich die meisten Handlungsspielräume – im Betrieb, zu Hause oder auswärts, durch Engagement in Vereinen, Verbänden oder Initiativen? Was kostet die Veränderung mitunter? Wo gibt es vielleicht Förderungen und Unterstützungen? Kann ich meine Veränderung gemeinsam mit anderen angehen – was die Motivation deutlich erhöht. Wer sich diese Fragen stellt, kommt einen Schritt weiter und kann danach anfangen, konkret zu werden. Und den Energieberater ins eigene Haus bestellen, besser lüften und heizen, auf Ökostrom umsteigen, sich eine Solaranlage aufs Dach setzen, mit dem Rad zur Arbeit fahren, Bus- und Bahn öfter nutzen, regional und saisonal einkaufen, seine Urlaubsflüge, so sie denn sein müssen, kompensieren. Und so weiter.

 

Energiesparen zu Hause – Beispiele

Gerade für das Klima- und Energiethema gibt es viele Informationen und Tipps. Ein hierfür ist der CO2-Rechner des Umweltbundesamtes, der anzeigt, wieviel Treibhausgase man selbst auf allen Ebenen, von Wohnen über Verkehr, Ernährung und Konsum, im Alltag verbraucht und welches Szenario wünschenswert wäre. Allein das Beispiel Energie zeigt, was alles möglich ist: etwa eine Solaranlage auf das Dach setzen oder die Hauswand besser Dämmen. Beides sind größere und auch etwas teurere Schritte, die dafür aber auch Verbrauch fossiler Energien besonders stark senken – und damit Emissionen einsparen. Es gibt aber auch viele kleinere Schritte, die man beim Energiethema gehen kann – der Bayerische Rundfunk hat sie einem Klimadossier mit vielen konkreten Tipps zusammengefasst: Energiespargeräte kaufen, LCD-Bildschirme bevorzugen, Duschen statt Baden, Einkaufskorb statt Plastiktüte nutzen, Steckerleisten mit Netzschalter anschaffen, um die energiefressenden Stand-by-Anzeigen auszuschalten. Stoßlüften statt Fenster kippen. LED-Lichterketten für den Weihnachtsbaum kaufen. Und regionale Bäume kaufen, die keine langen Transportwege hinter sicher haben.

Die Effekte sind teils erstaunlich, wie die Journalisten des BR erklären: „Bei uns wird jedes Jahr für die private Weihnachtsbeleuchtung so viel Strom verbraucht, dass damit 140.000 Haushalte ein Jahr lang komplett versorgt werden könnten. Oder anders: Drei herkömmliche Lichterschläuche verbrauchen in fünf Wochen so viel Strom wie ein moderner Kühlschrank im ganzen Jahr – rund 30 Euro.“

Auch dieses Beispiel der Lichterketten macht deutlich: Wir Verbraucher haben viel in der Hand, um zu einer umweltfreundlicheren und menschenwürdigeren Welt beizutragen. Auf unser Vorbild kommt es auch an, wenn man an Kinder und Jugendliche denkt, die nicht nur in Schule und Studium sehen sollten, wie es anders geht. Doch es kommt eben letztlich darauf an, dass alle Akteure ernsthaft und dauerhaft mitziehen, damit wir nicht weiter 60 Prozent mehr Ressourcen verbrauchen, als die Erde bereithält. Das hat der Living-Planet-Report wieder gezeigt.

 

Über den Wandel sprechen, um ihn möglich zu machen

Auch akademische Stellen bemühen sich verstärkt um Nachhaltigkeit, so auch in Darmstadt, wo die Hochschule Darmstadt (h_da) künftig mit dem von Bund und Ländern getragenen Programm „Innovative Hochschule“ gefördert wird. Von 2018 an bis 2023 gibt es jährlich zwei Millionen Euro für Projekte unter der Überschrift „Systeminnovation für Nachhaltige Entwicklung – Transfer als Lernprozess in der Region“.  Die h_da will mit ihrem Wissen in Sachen Nachhaltigkeit Unternehmen und Institutionen aus der Region unterstützen –  etwa bei der Entwicklung des Quartiers Mollerstadt oder der Verbesserung des Chemikalienmanagements eines Auto-Zulieferers. Wichtig ist dabei die Zusammenarbeit mit der Schader-Stiftung, wo eine gemeinsame Transferstelle für das Projekt eingerichtet wird.

Bei allen solch konkreten Projekten und Schritten darf aber eine andere Art der Veränderung nicht vergessen gehen: mehr über den nötigen Wandel zu sprechen und Forderungen zu stellen gegenüber den anderen Akteuren. Also Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur. Dort geschieht vieles, aber nicht genug. Es kann mehr werden, wenn mehr kritische Öffentlichkeit entsteht. Deshalb darf das nachhaltige Leben nicht nur im stillen Kämmerlein stattfinden. Wir müssen darüber zu Hause und in der Öffentlichkeit mehr diskutieren, Visionen entwickeln und es einfordern mit den entsprechenden Strukturen, Förderungen und Anreizen. Nur so kann in der Breite eine kulturelle Veränderung von unten geschehen, deren Themen und Ideen dann andere Akteure wieder aufgreifen und daraus neue Politik, Produkte oder Forschungen machen.

 

Von Prof. Dr. Torsten Schäfer

 

Schäfer FotoTorsten Schäfer ist Professor für Journalismus und Textproduktion an der Hochschule Darmstadt, wo er das Medienportal Grüner-Journalismus.de leitet. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen neben dem Fachjournalismus (Nachaltigkeit; Umwelt- und Europathemen) im Storytelling sowie der Text- und Recherchevermittlung. Schäfer arbeitet weiter als freier Autor und Umweltjournalist. Von 2009 bis 2013 war er Redakteur der internationalen GEO-Ausgabe und zuvor Chef vom Dienst sowie Planer in der Onlineredaktion der Deutschen Welle. Er promovierte nach einem Master in European Studies an der RWTH Aachen über die EU-Berichterstattung deutscher Regionalzeitungen. Vorher absolvierte Schäfer ein Diplom-Studium der Journalistik und Politikwissenschaft an der TU Dortmund mit integriertem Zeitungsvolontariat. Er arbeitete als freier Journalist jeweils über mehrere Jahre für GEO, taz, Süddeutsche Zeitung und dpa.

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