Nachhaltiges Darmstadt: eine Kolumne

20. Juli 2017

Blicke ins Labor. Wie Darmstadt nachhaltiger wird und warum hier diese Trends besonders sichtbar werden

 

Diese erste Kolumne beginnt mit einem Rätsel: Welche Stadt ist tiefer als viele anderen in der Urgeschichte verankert, schaut weiter als alle anderen in den Himmel und hat sich in den Wesenskern der Dinge namentlich ebenso unvergleichlich eingeprägt wie in die deutsche literarische Welt und die weltweite Sphäre der schönsten Designs und feinsten Kunstrichtungen? Wo ist also, um es beim Namen zu nennen, das eigentliche Zentrum, das neuerdings auch in digitalen Dingen führend ist? Die Antwort liegt auf der Hand und zeigt, welche Superlative und Besonderheiten Darmstadt zu bieten hat. Denn es ist die „Digital-Stadt“, vor deren Toren das Messeler Urpferdchen wohnt, die Europäische Raumfahrtagentur sitzt, ein chemisches Element namens Darmstadium beheimatet ist, Georg Büchners Preis verliehen wird und der Jugendstil eines seiner Zentren hat.

Es gibt sicherlich noch andere nennenswerte Schätze. Doch für Vollständigkeiten sind Kolumnen ja nicht da. Eher schon dafür, den Blick auf Unbeachtetes zu lenken wie etwa Darmstadts Rolle als sozialökologisches Experimenteierfeld, als Schauplatz einer Entwicklung, die wir überall sehen, aber hier besonders deutlich wird: die Genese einer nachhaltigkeitsorientierten Gesellschaft, die sich vor allem in Städten mit ihren akademischen Milieus abspielt. Darmstadt ist dafür ein Labor, weiß dies selbst aber noch nicht. Denn die Entwicklung ist jung, unsortiert, und wenig erforscht. Und sie spielt sich oft in Nischen ab.

 

Sichtbare Trends mit Gestaltungslust

Doch die einzelnen Trends sind bekannt: Seien es urbane Gartenaktivisten am Oberfeld, Foodsharer, diverse Carsharing-Gruppen, Teil- und Tauschringe, Kleiderkreisel, Repair-Cafés in Darmstädter Stadtteilen oder die Transition-Town-Gruppe, die ein Ressourcen schonendes Wirtschaften propagiert. Angehende Onlinejournalisten der h_da haben für das „P“-Magazin erkundet, welche Vielfalt sich bei nachhaltiger Ernährung schon auftut: Sie gingen zum veganen Brunch, besuchten vegetarische Restaurant und Läden, Biosupermärkte oder Studenten, die sich aus Containern ernähren. Sie testeten Öko-Eis im Coccola und erfuhren im Alice-Hospital mehr über Slow Food.

All diese Graswurzel-Initiativen und Unternehmensgründungen  wie etwa Avour (Mode), ee concept oder auch Adaptive Balancing Power (Energie), Swapper (Online-Tauschbörse) oder Quäntchen+Glück (Kommunikation) drücken eine neue Lust an einer umweltbewussteren Arbeits-, Lebens-, und Wirtschaftsgestaltung aus. Im Hintergrund treibt ein gesellschaftlicher Naturdrang die Entwicklung mit an: Sichtbar wird er am großen Erfolg von Landzeitschriften und Trends wie Wandern, Waldkindergärten, wachsenden Imkervereinen wie in Darmstadt oder Kräuterwanderungen, die hier mittlerweile nicht nur das Forstamt anbietet. Auch in der Umwelt- und Naturpädagogik blüht die Stadt auf, mit einem eigenen Netzwerk, dem Kranichsteiner Bioversum oder dem Naturerlebnistag am Jugendhof im Bessunger Forst.

 

Hinauswollen und etwas finden

Die Gesellschaft will wieder hinaus und etwas finden – auch sich selbst. Und sie wird nachhaltiger, zumindest erst einmal nach außen hin – was eben nicht heißt, dass damit die ökologischen oder sozialen Probleme vom Tisch sind. Es ist aber so etwas wie ein Anfang, den wir seit einigen Jahren beobachten; eine Aufbruchsstimmung, die zu spüren ist. Und die von kluger Politik gestärkt werden sollte. Denn jede soziale Bewegung, jedes Megathema, hat einen Zyklus mit Anfang und Ende. Und Darmstadt ist da in Bewegung, ist Bewegung, die bisher kein Forum, keine gemeinsamen Nenner, hat. Doch auch hier gibt es Veränderungen mit zwei ersten Messen „Sinn & Fairstand“ in der Centralstation. Im August startet ein Runder Tisch zur Bildung für nachhaltige Entwicklung. Mit solchen Anlaufstellen könnte sich das neue produktive Milieu verstetigen, das sich mit den aktiven Umweltverbänden der Stadt und ihren Behörden bereits vernetzt. Hinzu kommen viele „grüne“ Forschungsprojekte und Lehrschwerpunkte an den drei Hochschulen der Stadt; an der h_da hat sich 2016 eine neue Initiative für Nachhaltige Entwicklung gegründet.  Und es gab dort im Bundesprogramm „Innovative Hochschule“ gerade 10 Millionen für nachhaltige Transferprojekte in der Region, etwa in Felder wie energetischer Sanierung, Mobilität und Verkehr oder nachhaltige Produktionsverfahren.

Erinnert sei auch daran, dass die Wissenschaftsstadt in Sachen Nachhaltigkeit auch außerhalb der Hochschulen mit Zentren wie Öko-Institut, dem Institut für Wohnen und Umwelt oder dem Passivhaus-Institut zur Avantgarde gehört. Und Darmstadt hat Unternehmen, die auf Nachhaltigkeit schauen. Angefangen bei Bio-Bauernhöfen über Mittelständler bis hin zu Großunternehmen verschiedenster Branchen, die Nachhaltigkeitsberichte verfassen und Themen wie Energieeffizienz und erneuerbare Energien großschreiben.

 

Darmstadt war schon einmal Labor

Von der Politik, die an der Spitze auch formell grün ist, war bislang nicht die Rede. Bewusst nicht. Denn sie erwächst aus und mit dem, was sie umgibt: Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft. Auf allen Ebenen hat Darmstadt neue Ansätze und Sozial- und Umweltvisionen entwickelt, wie verschiedene Architektur- und Kunstausstellungen immer wieder zeigen. Und Darmstadt als Labor, das gab es übrigens schon mal. Mit machtvoller Wirkung breitete sich auch von hier die Lebensreform-Bewegungen um die vorletzte Jahrhundertwende aus, die im Jugendstil einen Ausdruck fand. Es ging ihr aber um einen ganzheitlichen Blick, eine lebenswertere, gesündere, schönere und freiere Gesellschaft in allen Bereichen. Ganz so fern ist das nicht von Visionen der Nachhaltigen Entwicklung und einer gerechteren Welt, wie sie die Vereinten Nationen 1992 formulierten. Und in den 17 Sustainable Development Goals 2015 erneuert haben.

Entlang dieser Ziele will ich in dieser Kolumne fragen, was eine nachhaltige Gesellschaft ausmacht – mit Blick auf Darmstadt, aber auch auf das groß Ganze. Denn die Losung des globalen Denkens und lokalen Handelns gilt noch immer. Das Handeln soll im Vordergrund stehen mit Tipps, Ideen und Service für mehr Nachhaltigkeit. Das Denken kommt dazu, denn nachhaltige Ansätze brauchen Kontext. Ohne ihn spannt sich kein Verständnis dessen auf, was nötig ist: eine dauerhafte, umweltgerechte und lebenserhaltende Entwicklung in sozialer, ökonomischer und ökologischer Hinsicht. Sie hat ein konkretes Ziel: die planetaren Grenzen, den Erdzusammenhang, in dem alle Systeme stehen, zu respektieren und damit die Lebensqualität und die Zukunftschancen für kommende Generationen zu erhalten. Klingt nach Bergpredigt? Vielleicht. Aber kleiner geht es an dieser Stelle nicht. Es scheint aber, als hätten mehr Menschen verstanden, worum es geht. Siehe Darmstadt.

 

Von Prof. Dr. Torsten Schäfer

 

Schäfer FotoTorsten Schäfer ist Professor für Journalismus und Textproduktion an der Hochschule Darmstadt, wo er das Medienportal Grüner-Journalismus.de leitet. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen neben dem Fachjournalismus (Nachaltigkeit; Umwelt- und Europathemen) im Storytelling sowie der Text- und Recherchevermittlung. Schäfer arbeitet weiter als freier Autor und Umweltjournalist. Von 2009 bis 2013 war er Redakteur der internationalen GEO-Ausgabe und zuvor Chef vom Dienst sowie Planer in der Onlineredaktion der Deutschen Welle. Er promovierte nach einem Master in European Studies an der RWTH Aachen über die EU-Berichterstattung deutscher Regionalzeitungen. Vorher absolvierte Schäfer ein Diplom-Studium der Journalistik und Politikwissenschaft an der TU Dortmund mit integriertem Zeitungsvolontariat. Er arbeitete als freier Journalist jeweils über mehrere Jahre für GEO, taz, Süddeutsche Zeitung und dpa.

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